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ABSCHIED VON HENNING EHLERT

Henning Ehlert war seit der Spielzeit 2016/2017 als 1. Kapellmeister am TN LOS! engagiert. In sechs Jahren hat er etliche Vorstellungen im Musiktheater und Ballett geleitet, zahlreiche Konzerte dirigiert und moderiert, viele Menschen kennen gelernt und jede Menge erlebt. Nun verlässt er das Theater und Orchester, um mit Beginn der Spielzeit 2022/2023 als 1. Kapellmeister und Stellvertreter des GMD an das Theater Münster zu wechseln. Am 9. Juli wird er mit dem Musical »3 Musketiere« im Schlosshof Sondershausen seine letzte Vorstellung dirigieren. Chefdramaturgin Juliane Hirschmann sprach mit ihm über eine sehr erfüllte Zeit in Nordthüringen.

Mit welchen Erwartungen, Wünschen, Hoffnungen kamst du zum TN LOS!?

Zunächst fand ich die Konstellation total spannend, da ich sowohl Daniel Klajner als auch Michael Helmrath kannte und dachte, dass ich als junger Dirigent viel von ihnen lernen kann. Beim Vordirigieren war ich dann sehr überrascht von der hohen Qualität des Loh-Orchesters Sondershausen. Zum damaligen Zeitpunkt gab es für mich mehrere Möglichkeiten; ich war zuvor lange am Theater Vorpommern gewesen und wollte mich unbedingt verändern. Sondershausen und Nordhausen erschien mir die beste Option zu sein, da ich das Gefühl hatte, dass ich mich hier gut weiterentwickeln kann.

Du bist aus Stralsund hierhergekommen, einer Stadt am Meer, in der du auch aufgewachsen bist. Wie war das in Thüringen – so ganz ohne Anbindung an das Meer?

Mir war am Anfang gar nicht klar, dass ich es so sehr vermissen würde. Ich hatte bisher immer über meinen Vater gelacht, der oft sagte, dass er alle paar Wochen einmal aufs Meer schauen müsse, da er sonst unruhig sei. Hier habe ich dann wirklich gemerkt, wie sehr es mir tatsächlich fehlte, wenn ich mal länger nicht nach Stralsund konnte. Das Meer entspannt einfach! Oft brauche ich erstmal einen halben Tag, um Zuhause anzukommen, aber dann spaziert man am Wasser, atmet dreimal tief durch und automatisch fällt viel Stress von einem ab.

Kannst du zusammenzählen, wie viele Stücke du hier dirigiert hast, neben den vielen Konzerten?

Ich habe für meinen Umzug gerade die vielen Programmhefte sortiert und bin auf rund 25 Produktionen gekommen, Musical, Operette, Ballett. Ich bin total dankbar, dass ich in den verschiedenen Genres kreativ sein durfte, auch bei den Konzerten: Von Weihnachts-, Neujahrs- und Sinfoniekonzert über Schloss-, Loh- oder Kinderkonzert bis hin zu vielen Cross-over-Programmen und moderierten Konzerten war wirklich alles dabei. Die Konzerte habe ich nicht nur dirigiert, sondern oft auch die Programme mit zusammengestellt. Nach diesen sechs Jahren gehe ich nun mit dem Gefühl, in allen Bereichen für die Zukunft gut ausgestattet zu sein.

Was hat dich am meisten herausgefordert?

Zu Beginn war es schon sehr herausfordernd, mich in den verschiedenen Genres zurechtzufinden. Ich habe vorher beispielsweise wenig Musical dirigiert, da hatte ich kaum Erfahrung. Das andere war die Administration, die ich anfangs total unterschätzt habe. Das hat neben der Kunst schon viel Zeit in Anspruch genommen. In meinem letzten Jahr hier kam noch die Funktion als Stellvertretender GMD dazu.

Normalerweise verfolge ich als Dirigent einen Plan, um die viele Arbeit bestmöglich vorbereiten zu können. Aber eigentlich habe ich es nie geschafft, diesen genauso umzusetzen, da doch immer wieder etwas dazwischenkam. Nicht abzusehen war zum Beispiel, dass wir ein so schlechtes Material zum Musical »Jane Eyre« bekommen. Da musste ich dann die Partitur und die Orchesterstimmen neu schreiben, was echt viel Zeit in Anspruch genommen hat. Aber mit den Jahren konnte ich doch eine gewisse Gelassenheit entwickeln und habe gelernt, darauf zu vertrauen, dass es am Ende gut ausgeht.

Was war dein schönstes Erlebnis in deiner Zeit in Sondershausen und Nordhausen?

Das ist schwer zu sagen. Das Schönste war vielleicht, wie ich im Theater aufgenommen wurde, und wie viele tolle Menschen ich hier im Laufe der Jahre kennenlernen durfte. Auch die Erfahrungen mit dem so begeisterungsfähigen Publikum waren besonders. Dass die Menschen der Region so zu ihrem Theater und dem Loh-Orchester Sondershausen stehen, ist bemerkenswert. Natürlich gab es viele bereichernde künstlerische Erlebnisse, aber da will ich gar kein spezielles Projekt rausnehmen oder besonders hervorheben.

Gibt es ein besonders lustiges Ereignis, an das du dich erinnerst?

Ja, das war in dieser Spielzeit, in einem Konzert mit dem Programm »Symphonic Queen« im Theater. Bei dem Song »Radio Gaga« hat die Gitarre am Beginn zwei Takte zu früh eingesetzt. Ich habe versucht, das in Ordnung zu bringen. Die eine Hälfte des Orchesters hat das verstanden, die andere nicht. Es ging drunter und drüber, auch die Sänger haben dann falsch eingesetzt. Bis zur Mitte des Songs habe ich immer wieder versucht, alles zu organisieren. Es klang schrecklich. Schließlich habe ich gedacht: »Ne, das ist so ein schönes Lied, das machen wir so jetzt nicht.« Da habe ich einfach abgebrochen, das Mikro genommen und das Publikum gefragt: »Haben Sie gemerkt, dass wir uns gerade total verdaddelt haben?« »Ja«, rief es laut. »Sollen wir es nochmal spielen?». »Ja«, kam es wieder laut zurück. Alle haben total gelacht. Und dann haben wir es wiederholt. Es gab nach dem Song einen Riesenapplaus. Die Musik zu unterbrechen ist eigentlich das Letzte, was man als Künstler machen möchte, das ist wirklich schlimm. Aber in diesem Fall war es einfach nur sehr lustig. Auch für uns Ausführende.

Was wirst du vermissen?

Zuallererst werde ich die Menschen hier vermissen. Angefangen bei den Solist*innen, dem Opernchor über das Loh-Orchester bis hin zum gesamten Team hinter der Bühne. An einem kleineren Theater arbeitet man enger zusammen und lernt die Leute oft auch privat kennen, weiß, was sie bewegt, was sie mit sich herumtragen.

Insgesamt war das hier schon eine wirklich besondere Zeit für mich. Nicht zuletzt auch privat. Mein Sohn wurde geboren, und wir haben ein ganzes Jahr hier als Familie zusammengelebt. Unser Zuhause ist ja sonst in Stralsund. Mein Sohn liebt Nordhausen, er sagt immer, dass es sein zweites Zuhause ist. Deswegen wird es für uns als Familie ein besonderer Platz bleiben, den wir nie vergessen werden.

Ich bin Daniel Klajner dankbar für die Chance, die er mir hier gegeben hat. Von Anfang an habe ich das Vertrauen gespürt, welches man als Künstler braucht. Er ist stets ein ehrlicher Ansprechpartner gewesen.

Schade, dass ich die Sanierung des Theaters und die Fertigstellung nicht miterleben werde. Es wäre spannend gewesen, das mit zu begleiten.

Du hast ja lange mit dem Dirigenten Golo Berg in Stralsund gearbeitet, er war dort damals GMD. An deinem neuen Arbeitsplatz triffst du nun wieder auf ihn, in Münster ist er seit einigen Jahren GMD. Das wird ja vielleicht für ihn ganz spannend sein zu sehen, was du jetzt mitbringst, wie du dich weiterentwickelt hast.

Ich hatte sofort den Eindruck, dass er sich auf das Wiedersehen freut. Wir haben in der Zeit am Theater Vorpommern gut zusammengearbeitet und künstlerisch einiges für das Haus erreicht. Trotzdem war ich damals noch jung und relativ unerfahren. In der Zeit in Nordhausen konnte ich wachsen und mich weiterentwickeln, so dass wir uns jetzt hoffentlich mehr auf Augenhöhe begegnen. Insofern freue ich mich auf die Arbeit, die mich erwartet.

Was wirst du nach deiner letzten Vorstellung am 9. Juli machen?

Auf jeden Fall erstmal Urlaub, ich fahre mit meiner Familie nach Frankreich, Burgund. Ich freue mich sehr darauf und brauche den Urlaub auch, denn eine arbeitsintensive Zeit liegt hinter mir. Die Sommerpause ist immer eine wichtige Insel für uns, um einfach nur privat zu sein – keine Musik, kein Telefon, keine Mails. Besonders jetzt vor dem Neustart habe ich das Gefühl, nochmal richtig Kraft tanken zu müssen.

Wann geht es in Münster los?

Das Theater dort hat schon seit Ende Juni Ferien, weiter geht es dann Mitte August. Ich dirigiere zuerst ein Konzert in der Reihe »Monday Night Music«, das sind Cross-over-Konzerte mit eher lockerem Charakter. Dann habe ich eine Produktion zusammen mit dem GMD Golo Berg, »Leben des Orest« von Ernst Krenek. Anschließend beginnt schon meine erste eigene Produktion, »Aspects of Love«, ein selten gespieltes Musical von Andrew Lloyd Webber, auf das ich große Lust habe. Für die Vorsingen war ich bereits in Münster, und die Besetzung ist spannend. Im November folgt dann mein erstes Sinfoniekonzert.

Wir wünschen dir einen wunderbaren Neustart und alles Gute für deine Arbeit in Münster!

Fotos: Henning Ehlert, Radu Stanciu, Julia Lormis, Jana Groß

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