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Emanuel Jessel ist Jedermann

EMANUEL JESSEL IST JEDERMANN

Emanuel Jessel ist dem Publikum des TN LOS! durch seine Interpretation des Porthos in dem Musical »3 Musketiere« bei den Thüringer Schlossfestspielen Sondershausen bestens bekannt. Jetzt übernimmt er die Titelrolle in »Jedermann«, einem Musical vom »Sterbenlernen«, welches am 23. September 2022 in der St.-Blasii-Kirche Nordhausen Premiere haben wird. Im Gespräch mit Renate Liedtke berichtet er über seine Arbeit an der Rolle.

Nicht jedem ist es in die Wiege gelegt, Musicaldarsteller zu werden. War es schon immer dein Wunsch, diesen Beruf zu ergreifen? Wie bist du dazu gekommen?

Zum Musical bin ich erst ziemlich spät und über Umwege gekommen. Begonnen hat alles damit, dass ich mit zehn Jahren von Berlin nach Leipzig zum Thomanerchor gegangen bin. Meine musikalischen Wurzeln liegen also in der Kirchenmusik, vor allem bei Johann Sebastian Bach. Obwohl mich während der Schulzeit viele andere Sachen interessierten, habe ich mich nach dem Zivildienst entschieden, in der Kunst zu bleiben und ein klassisches Gesangsstudium an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig begonnen. Dort bin ich zum ersten Mal mit Oper in Berührung gekommen, wobei ich mich immer eher im Bereich Oratorium und Lied zu Hause gefühlt habe. Gleichzeitig sah ich dort aber auch zum ersten Mal, was die Schauspielstudierenden so machen, und war unglaublich fasziniert davon.

Ein wichtiger Schnittpunkt in meiner Ausbildung war, dass mein Gesangslehrer nach Karlsruhe ging und ich mich dazu entschied, mit ihm zu gehen und Leipzig, was damals schon meine Heimat geworden war, zu verlassen. Diese Erfahrung gab mir zwei Jahre später auch den Mut, in gänzlich neue Gefilde aufzubrechen, sodass ich mich parallel zu den Abschlussprüfungen in Gesang an den staatlichen Schauspielschulen bewarb. Rein rechnerisch sind die Chancen, dort genommen zu werden, sehr gering, denn es gibt hunderte von Bewerbern. Umso größer war meine Überraschung, als es dann tatsächlich geklappt hat. Das war ein überwältigendes Gefühl. Es folgten vier Jahre Schauspielstudium in Rostock, eine sehr intensive Zeit, in der so ziemlich alles, was ich zu wissen glaubte, auf den Kopf gestellt wurde.

Danach arbeitete ich zunächst zwei Jahre lang als Schauspieler im Festengagement an einem Landestheater, bis mir ein Kollege irgendwann von einer Ausschreibung für ein Musical erzählte. Das war »Disney’s: Der Glöckner von Notre Dame«. Die Musik darin ist stark von der klassischen und Kirchenmusik beeinflusst, und es hat sehr hohe schauspielerische Anforderungen. „Das wäre doch was für dich!“, meinte er, und so habe ich mich relativ naiv dort beworben, ohne zu wissen, was für Folgen das für mich haben würde. Plötzlich fand ich mich in einer riesigen Produktion von StageEntertainment inmitten einer Gruppe unfassbarer, vielseitig talentierter Künstler wieder. Dort erst lernte ich, wie toll Musicals sein können. Und ich entdeckte, was für spannende, anspruchsvolle Stücke es in dem Genre auch abseits des Mainstreams gibt.

»Jedermann« steht ja auch abseits des Mainstreams. Es ist bestimmt nicht der Titel, der schon fest in den Köpfen des Publikums ist. Als Rock-Oper wurde »Jedermann« 2017 in Erfurt bei den Domfestspielen uraufgeführt und gelangt jetzt als Musical-Version nach Nordhausen. Auf jeden Fall ein spannender Stoff …

Rock-Oper, Musical… schon allein die Suche nach der passenden Genrebezeichnung ist schwierig. Letztlich geht es doch immer, ob nun in der Kirchenmusik, in der Oper oder im Theater darum, Gedanken, Gefühle und Aussagen zu vermitteln. Und das finde ich bei diesem Stück so toll, dass ganz viele unterschiedliche theatrale und musikalische Mittel genutzt werden, die aber alle dem Inhalt dienen. So wird es wieder zu einem Ganzen.

Du als Schauspieler hast sicher auch die Vorlage für Peter Lunds Libretto, das Schauspiel von Hugo von Hofmannsthal, gelesen. Gibt es da gravierende Unterschiede?

Grundsätzlich geht es um einen Menschen, der stirbt, und die damit verbundenen Fragestellungen – es heißt ja auch ein »Musical vom Sterbenlernen«. Doch um das Sterben zu lernen, muss sich Jedermann der Frage stellen, was ein gutes Leben ist. Und das ist ja die Urfrage der Philosophie und Kern der meisten Religionen. Ich würde sagen, darin ähneln sich die beiden Fassungen, aber wir leben hundert Jahre später und haben inzwischen ein ganz anderes Verhältnis zur Kirche, und das spiegelt sich auch im Stück wider. Es können nicht dieselben Antworten sein wie vor hundert Jahren.

Das heißt, es ist nicht nur eine Botschaft an den reichen Mann Jedermann, sondern das Stück richtet sich an jeden von uns: Wie gehen wir mit unserem Leben um?

Ganz genau. Es geht auch nicht nur um den Reichtum, der nicht mitgenommen werden kann auf dem letzten Gang. Sondern es ist die Erkenntnis, dass nichts bleibt, auch nicht unsere Identität, nicht einmal unsere zwischenmenschlichen Beziehungen, über die wir uns definieren. Natürlich hat jeder die Wunschvorstellung, nicht allein zu sterben, sondern bestenfalls friedlich umgeben von Kindern, Enkelkindern und Urenkelkindern einzuschlafen. Aber in letzter Konsequenz muss man den allerletzten Gang alleine gehen. Jeder stirbt für sich allein. Ich glaube, das ist eine absolute Urangst des Menschen, und das ist es, was uns angeblich auch vom Tier unterscheidet, dass wir uns unseres eigenen Todes bewusst sind. Religionen, Kunst und Kultur, alles, worauf wir als Menschheit so stolz sind, sind vielleicht nur Versuche, mit dieser Erkenntnis klar zu kommen. Und vielleicht ist das letztlich die große Frage: Was bleibt von uns?

Macht die Auseinandersetzung mit dieser Rolle etwas mit Dir?

Absolut. Es geht ja um Verlust. Nehmen wir das Sterben, das Sterben ist letzten Endes der Verlust von allem und von einem selbst. Aber für das Spiel nutze ich ja meine eigenen Verlust- und Einsamkeitserfahrungen. Das ist natürlich schmerzhaft, aber auch sehr lehrreich. Ich glaube, wichtig bei der Arbeit an der Rolle ist, dass man nicht zu sehr im Leid versinkt. Ich denke oft an den Satz einer Dozentin aus dem Schauspielstudium: »Leide nicht, kämpfe!«. Es ist eine tolle, eine sehr anspruchsvolle Rolle, die mich schon viel Kraft kostet, gar nicht einmal wegen des Umfangs, sondern wirklich wegen der Thematik. Natürlich haben wir Techniken gelernt, um loszulassen und die Sachen nicht mit nach Hause zu nehmen. Da muss man die richtige Balance finden, sich intellektuell und emotional damit zu beschäftigen und trotzdem stabil zu bleiben.

Nun inszeniert Tomo Sugao. Wie ich ihn kenne, wird es vielleicht schrill und es gibt trotz der ernsten Thematik bestimmt auch heitere Momente.

Auf jeden Fall. Schrill würde ich gar nicht einmal sagen, eher fantasievoll und überraschend. Ich glaube, wenn man in die Kirche geht, um sich ein Stück über das »Sterbenlernen« anzusehen, erwartet man düstere Farben und bedrückte Stimmung. Das ist es auf alle Fälle nicht. Die riesigen Donuts auf der Bühne zum Beispielsind ein Symbol für unser Konsumverhalten und den Überfluss, in dem wir leben, aber natürlich auch überraschend und total witzig. Tomo lässt uns unglaublich viel Freiheit. Das finde ich so großartig an der gemeinsamen künstlerischen Arbeit, dass man eigenen Impulsen folgen kann. Manchmal kommen dabei Dinge heraus, die auf den ersten Blick irrwitzig erscheinen, aber letzten Endes doch ganz viel mit der Sache zu tun haben. Es gibt eben Verfremdungsmittel, die helfen, die Sache mit etwas Abstand zu betrachten. Die Arbeit mit Tomo macht auch deshalb so großen Spaß, weil er uns so viel Vertrauen entgegen bringt. Dadurch kann man Loslassen und hat Zugriff auf noch ganz andere kreative Ressourcen, die vielleicht sogar jenseits des intellektuell Ausgedachten liegen und aus dem Unterbewussten kommen. Das ist eine spannende Kombination, dieses ernste Thema und der verspielte, manchmal fast naive Zugang dazu. Es ist, glaube ich, beim Theater ganz wichtig, dass es nicht so eine intellektuelle Verstiegenheit wird. Am Ende des Tages sieht jede Zuschauerin und jeder Zuschauer ein anderes Stück. Jede und jeder wird da andere Sachen für sich finden, je nachdem, was die Themen sind, die einen gerade umtreiben. Das geht uns Ausführenden schon so. Jeder hat da seine eigenen Gedanken und Bezüge zu. Das zeigt aber auch, dass es ganz elementare Fragen sind, die da abgehandelt werden. Und darum freue ich mich auch schon sehr auf die Begegnung mit dem Publikum, weil dadurch noch einmal ganz viel mit dem Stück passieren wird.

 

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